Viele Praktika, ein klarer Plan oder die große Strategie? Was führt in der Steuerkarriere zu einem schnellen Ein- und Aufsteig?

Dr. Maria Marquardsen von der Ruhr-Universität Bochum im Interview
Viele Praktika, ein klarer Plan oder die große Strategie? Was führt in der Steuerkarriere zu einem schnellen Ein- und Aufsteig?

Was führt in der Steuerkarriere zu einem schnellen Ein- und Aufstieg? Jun.-Prof. Dr. Maria Marquardsen ist Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Steuerrecht an der Ruhr-Universität Bochum und kennt nicht nur verschiedenste Gruppen von Studierenden, sondern hat auch ein paar Erfolgsrezepte parat.

Frau Dr. Marquardsen, wie konkret sind die beruflichen Pläne Ihrer Studierenden?

Jun.-Prof. Dr. Maria Marquardsen: Ich habe in meinen Vorlesungen unterschiedliche Gruppen von Studierenden. Auf der einen Seite sind da die Studierenden unseres weiterbildenden Masterstudiengangs, die diesen regelmäßig berufsbegleitend absolvieren und somit jeweils individuell recht klare Vorstellungen davon haben, was ihnen der Studiengang bringen soll. Die Ziele variieren dabei. Die einen wollen den Abschluss für interne Aufstiegszwecke innerhalb der Finanzverwaltung oder einer Beratungsgesellschaft nutzen, die anderen einen Ausstieg aus der Verwaltung mit dem Ziel Steuerberatungskanzlei damit vorbereiten.

Viele haben also schon Erfahrung...

Dr. Maria Marquardsen: Manche nutzen den Studiengang zudem für die Arbeit in der Praxis, etwa bei den Big Four, um etwa im Bereich Umstrukturierung nicht nur die gesellschaftsrechtliche Seite, sondern auch die steuerlichen Auswirkungen beurteilen zu können. Vor diesen Hintergründen wird Studierenden, die bei einer Beratungsgesellschaft tätig sind, der Studiengang manchmal auch durch diese finanziert.

Die Jura-Studierenden belegen die Vorlesungen als Teil der Schwerpunktbereichsausbildung und wollen sich häufig erst einmal ganz grundsätzlich ausprobieren. Die beruflichen Pläne konkretisieren sich hier meist erst während des Referendariats, in dem man in die unterschiedlichen Berufsfelder einen praktischen Einblick erhält. Einzelne Teilnehmende sind bereits Volljuristen und anwaltlich tätig. Sie besuchen die Vorlesungen, um sie sich für den Fachanwaltskurs anrechnen zu lassen.

Wie erleben Sie das Thema 'Praktika'?

Dr. Maria Marquardsen: Im Jura-Studium gibt es einige Pflichtpraktika. Mein Eindruck ist aber nicht, dass diese den Studierenden tiefgehende Einblicke gewähren. Ertragreicher scheinen mir da juristischen Nebentätigkeiten, die auch langfristiger ausgerichtet sind.

Für wie zielführend halten Sie Praktika?

Dr. Maria Marquardsen: Zumindest bezogen auf die Jurastudierenden ist nicht per se besser, viele Praktika zu absolvieren, man ist dann nicht automatisch besser aufgestellt – schaden tun sie aber natürlich auch nicht. Generell ist es schwierig, im Rahmen eines wenige Wochen umfassenden Praktikums während des Studiums einen realen Einblick in die Arbeitswelt, in die ich mich hinein entwickle, zu bekommen.

Denn häufig sehe ich einen kleinen Ausschnitt und werde noch nicht mit Aufgaben betraut, die ich später im Berufsleben selbstständig bearbeiten müsste. Dafür gibt es viele gute Gründe. Das ist im Referendariat dann anders. Insofern halte ich letzteres für eine gute Einrichtung und für sehr hilfreich, da viele erst zu diesem Zeitpunkt überhaupt wissen, was sie wollen.

Wie profitieren die einzelnen Gruppen von den Studieninhalten?

Dr. Maria Marquardsen: Bei den Masterstudierenden muss man wohl wiederum differenzieren. Je nach fachlichem Hintergrund profitieren sie unterschiedlich. Diplom-Finanzwirte, die den weiterbildenden Masterstudiengang absolvieren, vor allen Dingen dadurch, dass wir in den Vorlesungen viel mit dem Gesetz selbst arbeiten und die Richtlinien der Finanzverwaltung dadurch teils kritisch hinterfragen. Das erweitert den Horizont ungemein, denn an den Finanzhochschulen geht es zurecht primär darum, das Detailwissen zu vermitteln, wie die Verwaltung in bestimmten Kontexten zu handeln hat. Dieses rechtlich zu würdigen, steht dort nicht im Fokus der Ausbildung.

Betriebswirte kommen oft aus einer empirischen Denkweise, die wir hier so gar nicht lehren, wir rechnen auch selten. Unsere juristische Methodik gibt ihnen eine neue Perspektive auf das Steuerrecht, das sie gegebenenfalls schon aus dem BWL-Studium kennen. Wir diskutieren die rechtlichen Hintergründe von Gesetzen und auch deren Verfassungsmäßigkeit. Das ist für viele Neuland.

Die Volljuristen hingegen haben bis dahin oft keine Berührung mit dem Steuerrecht gehabt und lernen somit das Rechtsgebiet als solches neu kennen. Die generelle Methodik der Gesetzesauslegung ist ihnen aber natürlich bereits vertraut. Das gilt auch für die Jura-Studierenden im Schwerpunkt.

Was raten Sie Abiturientinnen und Abiturienten im Hinblick auf Ihre Studienfachwahl und Karriereplanung?

Dr. Maria Marquardsen: Das kommt sehr darauf an, wie genau sie schon wissen, was sie später machen wollen. Wer nach dem Abitur das klare Ziel 'Finanzrichter' hat, der muss Jura, am besten mit Schwerpunkt Steuerrecht studieren. Das dürften allerdings die wenigsten sein – auch ich selbst hätte nach dem Abi übrigens nicht gesagt, dass Steuern mich sonderlich interessieren.

Sollten Abiturienten zumindest schon die Vorstellung haben, ‚irgendwas mit Steuern‘ machen zu wollen, gibt es verschiedene Optionen. Wer zunächst viel Wissen erlangen möchte und sich dabei  vielleicht auch in einer Situation befindet, in der er das Studium nicht ohne weiteres finanzieren kann, für den sind die Finanzhochschulen sicherlich eine gute Wahl. Hier gibt es eine fundierte Ausbildung im deutschen Steuersystem und gleichzeitig Praxiserfahrung im Finanzamt. Und dafür bekommt man dann auch noch ein Gehalt. Danach, so ist zumindest meine Erfahrung, kann man zum Beispiel ein Jurastudium zügiger abschließen, weil man vieles, vor allem im Öffentlichen Recht, ja schon kennt. Übrigens sind die Studienkosten dann auch steuerlich absetzbar, weil es eine Zweitausbildung ist.

Und Jura und BWL?

Dr. Maria Marquardsen: Jura an sich ist eine gute Wahl für alle, die sich ganz grundsätzlich für rechtliche Zusammenhänge interessieren und ihre Kenntnis nicht auf den Bereich der Steuern verengen wollen. Ähnlich umfassend – nur mit eben mit wirtschaftlichem Grundschwerpunkt – scheint mit ein Studium der Wirtschaftswissenschaften. Wobei ich da naturgemäß weniger Einblicke habe.

Grundsätzlich empfehle ich Flexibilität – denn Pläne können sich ändern und manchmal merkt man auch erst nachdem man etwas begonnen hat, dass es doch nicht den eigenen Neigungen entspricht. Sich dann um zu entscheiden, braucht Mut. Man sollte die aufgewendete Zeit aber nicht als verlorene empfinden, denn man hat sicher wertvolle Kenntnisse über das Fach, aber auch sich selbst gewonnen.

Wenn ich nun gar nicht weiß, was ich machen soll...

Dr. Maria Marquardsen: Irgendeine Grundidee von den eigenen Interessen sollte man sicher haben. Wenn man aber noch keine konkreten beruflichen Vorstellungen hat, dann kann eine Art Studium Generale, wie es etwa Jura ist, ein Anfang sein. Juristen gibt es an allen Ecken und Enden des beruflichen Lebens – nicht nur als Anwälte, Richter und Staatsanwälte. Solange man sich für das Fach begeistern kann, wird man später sicher eine Nische finden.

Ähnlich breit ist das Studium der Wirtschaftswissenschaften angelegt. Und während des Studiums selbst gilt: Nehmen Sie alles mit, was es an außercurricularen Aktivitäten an der Hochschule gibt; das können Exkursionen sein oder Moot Courts. Wenn dadurch das Studium ein Semester länger dauern sollte, halte ich das für völlig unschädlich.

Jun-Prof. Dr. Maria Marquardsen ist Juniorprofessorin für Öffentliches Recht und Steuerrecht an der Ruhr-Universität Bochum. Sie unterrichtet diverse Bereiche des Steuerrechts im Jura-Studium, aber auch in weiterbildenden Masterstudiengängen im In- und Ausland.

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